Leseprobe:
Dinner mit einer Unbekannten
Bowmore 25
Lange schon – ich weiß gar nicht, wie lange –
sitze ich am Strand, entspannt an diesem wunderschön warmen, fast heißen Tag,
träume vor mich hin, halb schläfrig und schicke meine Gedanken auf die Reise.
Kaum habe ich die Überreste des alten Holzfasses bemerkt, das vielleicht schon
vor langer Zeit angeschwemmt wurde, eigentlich nur ein großes Bruchstück einer
brüchigen Fassdaube, aber gerade jetzt erregt es meine Aufmerksamkeit, als die
Spätnachmittagssonne herab scheint und das morsche Überbleibsel austrocknet.
Ein feiner Nebel steigt aus dem Holz
empor, eher wie ein Gas, und schickt leichte
Gerüche nach sanfter Eiche zu mir herüber. Das Gas
beginnt, Konturen in die Luft zu zeichnen,
die immer deutlicher werden, Gestalt anzunehmen
scheinen. Zu meiner größten Verblüffung
verdichtet sich das feine Gespinst und nimmt die
Form einer schlanken, in ein langes, eng anliegendes
schwarzes Kleid gewandeten, eleganten, jungen Dame
an. Luxus und Eleganz scheinen ihr vertraut,
aber nichts an ihr wirkt übertrieben oder aufgesetzt. Ihr Make-up ist
dezent und perfekt, Kleidung und gesamte Haltung zeugen von natürlichem Stil –
eine verführerische Schönheit.
Einen kurzen Moment verharrt die junge Lady
regungslos, bewegt sich dann mit sanften und weichen Schritten auf mich zu. Ohne
ein einziges Wort aus ihrem Mund fordert sie mich freundlich, aber
unwiderstehlich zum Aufstehen auf und lädt mich zu einem abendlichen Diner in
festlicher Umgebung ein. Auf dem Weg zum einsamen Restaurant, in dem wir die
einzigen Gäste sein werden, streift mich ihr langes dunkles Haar. Ein Geruch
nach frischen grünen Äpfeln weht dabei zu mir herüber.
Wir haben auf der Terrasse Platz genommen und
blicken aufs Meer hinaus, während wir meeresfrische Austern verzehren. Jede
Bewegung meiner stummen Begleiterin ist Ausdruck von Genuss und Freude am
Erleben der Gegenwart. Ihr Lächeln ist einnehmend und natürlich, lässt mich aber
mit der sorgenvollen Frage zurück, ob mir eine sanfte Schönheit oder ein
gefährlicher Vamp gegenüber sitzt. Lange lassen wir uns Zeit, Austern und
Champagner zu genießen, die nun schon tiefe Sonne über dem Meer zu betrachten
und die klare Seeluft dabei zu atmen, bevor ohne ein Wort der Zeitpunkt zum
Aufbruch gekommen ist. Ein süßes Bonbon verschönt den Abschied.
Die Lady führt mich zurück, aber mir scheint,
als habe sich der Weg verändert und, ja, vorher gab es kein Kettenkarussell, das
nun so unübersehbar am Rand des Pfads steht. Der Jahrmarkt scheint lebendig,
voller ausgelassenem Lärm und süßer Gerüche und doch ist weit und breit kein
Mensch zu sehen. Wir genießen es, auf Schaukeln nebeneinander durch die Lüfte zu
fliegen und die Unbeschwertheit von Kindern zu empfinden. Danach kehrt wieder
Ruhe ein und der letzte Abschnitt des Wegs tut sich vor uns auf.
Die schöne Fremde lässt meine Hand los und geht
wortlos auf den Strand zu, wo nach wie vor das alte Stück Fassdaube liegt. Ich
finde mich unvermittelt wieder auf dem Sand sitzend und sehe erneut den Nebel
aus dem morschen Holz aufsteigen, der meine namenlose Schönheit umschließt,
umarmt, umtanzt, sie auflöst und selbst zu Nebel werden lässt, der vom Holz
aufgesogen wird und in ihm verschwindet.
Eine kleine Welle ergreift das Fassbruchstück
und trägt es auf das Meer hinaus...
... und ich spüre das letzte Huschen auf der
Zunge, leichte Eicheneindrücke, schwache Fruchtexpressionen, verhaltenen Rauch,
eine entfernte Ahnung einer zurückhaltenden Prise Salz, Austern in einem
Feinschmeckerrestaurant – den ganzen Zauber des Bowmore.
Der
Grenzgänger
Glenmorangie 10
0,7L, 40%vol
Schon in der Nase ist nicht ganz klar erkennbar,
was man eigentlich vor sich hat. Ist es eine nobel feinsinnige Zurückhaltung von
schwachen Blumen- und Fruchtaromen, die mit feinem Torf- und Meerwasser und
leichten Holzanklängen eine subtile Aromenvorstellung bietet, oder einfach das
etwas verwaschene Mischungsprodukt von vielen Dutzend durchschnittlich gereiften
Fässern, die in ihrer Qualität eher den unaufdringlich schwachen Aromen den
Vorzug geben?
Eine – fast schon philosophische – Frage, die
sich durch den ganzen Genuss dieses Malts zieht. Leuchtendes Gelbgold im Glas,
versteht er durch seine Zurückhaltung herauszufordern und ihn eher als Aperitif
erscheinen zu lassen.
Auf der Zunge bleibt er zunächst wässrig leicht
und mit einem Anflug von Banane, Nuss und blumigem Honig mit einer Entwicklung
in einen zarten Bitterton nach unreifen Äpfeln, Grapefruit und Zitronenschale,
der dann von malziger Asche getrocknet verschwindet. Was sich zuerst langsam zu
entwickeln beginnt, bricht bald auseinander, verschwindet wie von einem porösen
Holzstückchen aufgesogen. Abermals ist man versucht der feinen Subtilität das
Wort zu reden – aber ist er wirklich so feingliedrig, wie man vermuten könnte?
Je nach Gelegenheit zeigt er sich von einer
blumig - fruchtigen Seite mit zartem, brennendem Holz und einer zurückhaltenden
Salzigkeit – oder von einer etwas Lösemittel - dominierten Schärfe mit bitteren,
prickelnden Wurzel- und Zitrustönen.
Der Abgang beginnt durch die Ergänzung der süßen
Elemente durch immer feinere Trockenheit (eventuell Tabak) recht spannend,
wandelt sich vom Blütenhonig in Richtung warmer, austrocknender Kohle, hält
diesen Reiz aber nicht lange genug, sondern verschwindet zu rasch und
unspektakulär.
Ich denke oft an den Zirkus, wenn ich den Glenmorangie trinke – wie der
Durchgang durch ein Spiegelkabinett, in dem die
Verzerrung so manche Eigenschaft suggeriert,
sie nicht da ist – in einer
durchaus
humorvollen Art. Oder an die Clowns, die durch die Masken
und Schminke, ihre roten Tomatennasen, in
ihren Gewändern und mit ihrer übersteigerten Art, den Spiegel in einer anderen
Weise vor das Gesicht der Betrachter halten. Oder an den glitzernden Magier, der
aus seinem Hut so manches Kaninchen zaubert, der durchschnittene Seile wieder
vereinigt und den Tüchern unterschiedlichste Farben verleiht und Blumensträuße
herbeizaubert – obwohl die Fingerfertigkeiten nicht über die „Wahrheit“ und
„Realität“ hinweg täuschen können.
Was ein Kind so begeistert und fasziniert, wird
durch das Wissen um die Wirklichkeit gedämpft.
So kommt mir auch der 10jährige Glenmorangie
vor. Er fasziniert „kindlich“ – mit der Erfahrung verblassen seine Kunststücke,
obwohl man nicht sicher ist, ob man nun einen Trick vorgespielt bekam, oder der
Malt wirklich so manches Geheimnis und so manchen Zauber in sich birgt.
Die Grenze zwischen feiner Subtilität und
belangloser Einfachheit ist schwer zu erkennen.