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Brunn, Wolfgang
Friedrich, Manfred

Die Meerjungfrau im Whiskyglas

 

BoD, ISBN 3-8334-3023-0, 26,90 EUR, Erschienen 2005, 248 Seiten

 

Leseprobe:

Dinner mit einer Unbekannten

Bowmore 25

Lange schon – ich weiß gar nicht, wie lange – sitze ich am Strand, entspannt an diesem wunderschön warmen, fast heißen Tag, träume vor mich hin, halb schläfrig und schicke meine Gedanken auf die Reise. Kaum habe ich die Überreste des alten Holzfasses bemerkt, das vielleicht schon vor langer Zeit angeschwemmt wurde, eigentlich nur ein großes Bruchstück einer brüchigen Fassdaube, aber gerade jetzt erregt es meine Aufmerksamkeit, als die Spätnachmittagssonne herab scheint und das morsche Überbleibsel austrocknet.

 

Ein feiner Nebel steigt aus dem Holz empor, eher wie ein Gas, und schickt leichte Gerüche nach sanfter Eiche zu mir herüber. Das Gas beginnt, Konturen in die Luft zu zeichnen, die immer deutlicher werden, Gestalt anzunehmen scheinen. Zu meiner größten Verblüffung verdichtet sich das feine Gespinst und nimmt die Form einer schlanken, in ein langes, eng anliegendes schwarzes Kleid gewandeten, eleganten, jungen Dame an. Luxus und Eleganz scheinen ihr vertraut, aber nichts an ihr wirkt übertrieben oder aufgesetzt. Ihr Make-up ist dezent und perfekt, Kleidung und gesamte Haltung zeugen von natürlichem Stil – eine verführerische Schönheit.

 

Einen kurzen Moment verharrt die junge Lady regungslos, bewegt sich dann mit sanften und weichen Schritten auf mich zu. Ohne ein einziges Wort aus ihrem Mund fordert sie mich freundlich, aber unwiderstehlich zum Aufstehen auf und lädt mich zu einem abendlichen Diner in festlicher Umgebung ein. Auf dem Weg zum einsamen Restaurant, in dem wir die einzigen Gäste sein werden, streift mich ihr langes dunkles Haar. Ein Geruch nach frischen grünen Äpfeln weht dabei zu mir herüber.

 

Wir haben auf der Terrasse Platz genommen und blicken aufs Meer hinaus, während wir meeresfrische Austern verzehren. Jede Bewegung meiner stummen Begleiterin ist Ausdruck von Genuss und Freude am Erleben der Gegenwart. Ihr Lächeln ist einnehmend und natürlich, lässt mich aber mit der sorgenvollen Frage zurück, ob mir eine sanfte Schönheit oder ein gefährlicher Vamp gegenüber sitzt. Lange lassen wir uns Zeit, Austern und Champagner zu genießen, die nun schon tiefe Sonne über dem Meer zu betrachten und die klare Seeluft dabei zu atmen, bevor ohne ein Wort der Zeitpunkt zum Aufbruch gekommen ist. Ein süßes Bonbon verschönt den Abschied.

 

Die Lady führt mich zurück, aber mir scheint, als habe sich der Weg verändert und, ja, vorher gab es kein Kettenkarussell, das nun so unübersehbar am Rand des Pfads steht. Der Jahrmarkt scheint lebendig, voller ausgelassenem Lärm und süßer Gerüche und doch ist weit und breit kein Mensch zu sehen. Wir genießen es, auf Schaukeln nebeneinander durch die Lüfte zu fliegen und die Unbeschwertheit von Kindern zu empfinden. Danach kehrt wieder Ruhe ein und der letzte Abschnitt des Wegs tut sich vor uns auf.

 

Die schöne Fremde lässt meine Hand los und geht wortlos auf den Strand zu, wo nach wie vor das alte Stück Fassdaube liegt. Ich finde mich unvermittelt wieder auf dem Sand sitzend und sehe erneut den Nebel aus dem morschen Holz aufsteigen, der meine namenlose Schönheit umschließt, umarmt, umtanzt, sie auflöst und selbst zu Nebel werden lässt, der vom Holz aufgesogen wird und in ihm verschwindet.

Eine kleine Welle ergreift das Fassbruchstück und trägt es auf das Meer hinaus...

... und ich spüre das letzte Huschen auf der Zunge, leichte Eicheneindrücke, schwache Fruchtexpressionen, verhaltenen Rauch, eine entfernte Ahnung einer zurückhaltenden Prise Salz, Austern in einem Feinschmeckerrestaurant – den ganzen Zauber des Bowmore.

 

 

Der Grenzgänger

Glenmorangie 10

0,7L, 40%vol

 

Schon in der Nase ist nicht ganz klar erkennbar, was man eigentlich vor sich hat. Ist es eine nobel feinsinnige Zurückhaltung von schwachen Blumen- und Fruchtaromen, die mit feinem Torf- und Meerwasser und leichten Holzanklängen eine subtile Aromenvorstellung bietet, oder einfach das etwas verwaschene Mischungsprodukt von vielen Dutzend durchschnittlich gereiften Fässern, die in ihrer Qualität eher den unaufdringlich schwachen Aromen den Vorzug geben?

Eine – fast schon philosophische – Frage, die sich durch den ganzen Genuss dieses Malts zieht. Leuchtendes Gelbgold im Glas, versteht er durch seine Zurückhaltung herauszufordern und ihn eher als Aperitif erscheinen zu lassen.

Auf der Zunge bleibt er zunächst wässrig leicht und mit einem Anflug von Banane, Nuss und blumigem Honig mit einer Entwicklung in einen zarten Bitterton nach unreifen Äpfeln, Grapefruit und Zitronenschale, der dann von malziger Asche getrocknet verschwindet. Was sich zuerst langsam zu entwickeln beginnt, bricht bald auseinander, verschwindet wie von einem porösen Holzstückchen aufgesogen. Abermals ist man versucht der feinen Subtilität das Wort zu reden – aber ist er wirklich so feingliedrig, wie man vermuten könnte?

Je nach Gelegenheit zeigt er sich von einer blumig - fruchtigen Seite mit zartem, brennendem Holz und einer zurückhaltenden Salzigkeit – oder von einer etwas Lösemittel - dominierten Schärfe mit bitteren, prickelnden Wurzel- und Zitrustönen.

Der Abgang beginnt durch die Ergänzung der süßen Elemente durch immer feinere Trockenheit (eventuell Tabak) recht spannend, wandelt sich vom Blütenhonig in Richtung warmer, austrocknender Kohle, hält diesen Reiz aber nicht lange genug, sondern verschwindet zu rasch und unspektakulär.

 

Ich denke oft an den Zirkus, wenn ich den Glenmorangie trinke – wie der Durchgang durch ein Spiegelkabinett, in dem die Verzerrung so manche Eigenschaft suggeriert, sie nicht da ist – in einer durchaus humorvollen Art. Oder an die Clowns, die durch die Masken und Schminke, ihre roten Tomatennasen, in ihren Gewändern und mit ihrer übersteigerten Art, den Spiegel in einer anderen Weise vor das Gesicht der Betrachter halten. Oder an den glitzernden Magier, der aus seinem Hut so manches Kaninchen zaubert, der durchschnittene Seile wieder vereinigt und den Tüchern unterschiedlichste Farben verleiht und Blumensträuße herbeizaubert – obwohl die Fingerfertigkeiten nicht über die „Wahrheit“ und „Realität“ hinweg täuschen können.

Was ein Kind so begeistert und fasziniert, wird durch das Wissen um die Wirklichkeit gedämpft.

So kommt mir auch der 10jährige Glenmorangie vor. Er fasziniert „kindlich“ – mit der Erfahrung verblassen seine Kunststücke, obwohl man nicht sicher ist, ob man nun einen Trick vorgespielt bekam, oder der Malt wirklich so manches Geheimnis und so manchen Zauber in sich birgt.

 

Die Grenze zwischen feiner Subtilität und belangloser Einfachheit ist schwer zu erkennen.

 

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letzte Änderung: 13. Januar 2010