
Wie kommt der Geschmack in den Whisky?
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ninjapassi
Bayern
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Verfasst am: 20. 01. 2011 [12:40] Post-Direktlink
Normalerweise sagt man ja, es gibt keine dummen Fragen, hier ist aber evtl. eine:Wie kommen eigentlich die ganzen Geschmacksnuancen in den Whisky??? Man hört von den wildesten Geschmacksrichtungen und ich habe ja im Forum bereits viel darüber gelesen: Einiges (natürlich nicht alles!) davon dürften wirklich sehr subjektive Interpretationen von Whisky"kennern" sein. Schmeckt ein Whisky z.B. nach Holz / Faß, so ist das logisch, lagerte er doch in Fässern. Schmeckt er phenolisch / rauchig / torfig (wie immer man es nennen mag) ist dies auch durch das Darren über Torffeuer zu erklären. Eine Erklärung für eine (ich nenne es mal) Port-/Sherry-/etc.-Süße gibt es durch die Lagerung in Ex-...-Fässern auch. ABER: Trinke ich einen Balvenie 12 DW schmeckt der geneigte Taster definitiv Orangen. Beim Redbreast schmeckt man deutliche Vanillespuren, wie Horst L. es treffend ausdrückt, meint man sogar Pudding zu schmecken. WIE KOMMT DAS? Bzw. wie kommen diese Geschmäcker zustande??? Ein Redbreast hat wohl nie echte Vanillie gesehen und auch viele weitere Geschmäcker sind nicht durch Nachlagerung in Weinfässern, das Darren und andere übliche Wege des konventionellen "Finishs" zu erklären. Woher kommen also diese Geschmäcker eigentlich? Bildet man sich das nur ein? Bzw.: Ist da (im konkreten Beispiel des Redbreast 12) eine Süße drin, die gar nicht nach Vanillie schmeckt, dem aber nahe kommt und der im Gehirn abgespeicherte Vanilliegeschmack ist das, was dem im Whisky "Geschmeckten" am nähsten kommt und man verbindet das einfach damit? Das würde aber immer noch nicht beantworten, wie dieser Geschmack (der dann evtl. gar nicht Vanillie ist) dort hineinkommt. Ich hoffe die Frage ist nicht zu dumm Vielen Dank schonmal. [Dieser Beitrag wurde 1mal bearbeitet, zuletzt am 20.01.2011 um 12:41.]
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Torsten_K2
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Verfasst am: 20. 01. 2011 [13:23] Post-Direktlink
Komplexes, aber spannendes Thema! Ich wage mal einen (rudimentären und längst nicht umfassenden, vollständigen) Anfang...Ein Redbreast hat wohl nie echte Vanillie gesehen Doch, hat er im Prinzip schon, im Faß. Grundsätzlich: Aromen sind nichts anderes als Moleküle, die in unterschiedlicher Konzentration vorliegen können. Klingt ziemlich prosaisch, wenn man das Ganze auf chemische Prozesse herunterbricht, ist allen Marketingbestrebungen um Magie, Alchemie und Tradition zum Trotz aber immer noch die beste Erklärung. Die unterschiedlich schmeckenden und riechenden Moleküle verstecken sich überall: im Ausgangsprodukt, also der Gerste, im von dir schon genannten Torfrauch, sie entstehen zudem während des Gärungsprozesses (mittlerweile gibt es Hefen, die in der Lage sind, ganz bestimmte Moleküle beim Umwandeln des Zuckers in Alkohol zu produzieren, z.B. solche, die nach Torf schmecken) oder dem Brennvorgang, und dann selbstverständlich bei der Lagerung im Faß. Zumeist handelt es sich schlicht um spontane oder herbeigeführte chemische Reaktionen, bei denen Moleküle entstehen, die einen bestimmten Geruch oder Geschmack haben. Die Hefe erzeugt neben Ethylalkohol auch Ester, Aldehyde, Säuren und höhere Alkohole, alles Aromenträger. Sie folgen der Formel Säure + Alkohol = Ester + Wasser. Besonders wichtig sind in der Whiskyprodutkion die Ester der Essigsäure, die sog. Acetate. Die Vanillenote kommt in der Regel aus dem innen ausgekohlten Faß. Durch das Ausbrennen entsteht eine Schicht aus Holzkohle mit Lignin, Tannin und eben Vanille und Karamelaromen. Ich finde übrigens, daß irischer Whisky nicht zuletzt eine Note von schwarzer Johannisbeere hat. Eine Banane schmeckt nach Banane, weil sie eben besonders viel Iso-Butanol enthält, das sich aber auch in Spuren in der Gerste wiederfinden läßt. Genau so verhält es sich mit der Vanille; die Schote schmeckt danach, weil in ihr das entsprechende Molekül in hochkonzentrierter Form vorkommt, aber eben auch in weniger konzentrierter Form in der Holzkohle. Manche Whiskies riechen aber auch nach Apfel (Butylacetat; Essigsäure + Butanol), Birne (Propylacetat; Essigsäure + Propanol sowie Amylacetat; Essigsäure + Amylalkohol), Aprikose oder Pfirsich. Solche Aromen lassen sich konzentrieren bzw. hervorheben. Beim Verbrennen des Torfs entsteht u.a. 4-Vinyl-Guaiacol, das dann für das klassische Islay-Aroma sorgt, wie auch Phenol, 4-Ethyl-phenol, Kresol und Xylenol. Methylacetat (Essigsäure + Methanol) sorgt für einen Geruch, der an UHU erinnert, Ethylacetat (Essigsäure + Ethanol) riecht nach Nagellackentferner. Je nach dem, welche Aromen man während der Destillation durch Abtrennen des Middle Cut von Vor- und Nachlauf auffängt, bekommt der Whisky einen komplett anderen Charakter. Anschließend tut der Oxidationsprozess im Faß sein Übriges, gleichzeitig zieht der New Make die bereits vorhandenen Aromen aus der Holzkohleschicht sowie den Rückständen der ehemaligen Befüllung. Läßt sich ganz gut nachlesen bei: Dr. Jürgen Setter (seines Zeichens Chemiker und Whiskyliebhaber), Whisk(e)y World Wide Charles MacLean, Malt Whisky Meines Erachtens zwei Standardwerke für den neugierigen Whiskyliebhaber. Grüße aus Köln Torsten [Dieser Beitrag wurde 1mal bearbeitet, zuletzt am 20.01.2011 um 13:49.]
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ninjapassi
Bayern
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Verfasst am: 20. 01. 2011 [14:41] Post-Direktlink
WOW! Bist du Chemiker?Ein extrem interessanter und aufschlußreicher Beitrag, wenngleich ich nicht alles verstehe, aber den Kern der Aussagen kapiere ich. Ich sehe um einiges klarer! Unglaublich was man da alles für Geschmäcker erzeugt / erzeugen kann auf diese Art und v.a. mit relativ wenig "Zutaten". DANKE! |
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Axel_D3
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Beiträge: 104
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Verfasst am: 20. 01. 2011 [14:53] Post-Direktlink
"Torsten_K2" schrieb: Komplexes, aber spannendes Thema! Ich wage mal einen (rudimentären und längst nicht umfassenden, vollständigen) Anfang... Ein Redbreast hat wohl nie echte Vanillie gesehen Doch, hat er im Prinzip schon, im Faß. Grundsätzlich: Aromen sind nichts anderes als Moleküle, die in unterschiedlicher Konzentration vorliegen können. Klingt ziemlich prosaisch, wenn man das Ganze auf chemische Prozesse herunterbricht, ist allen Marketingbestrebungen um Magie, Alchemie und Tradition zum Trotz aber immer noch die beste Erklärung. Zu den von Torsten angeführten Beispielen möchte ich nur anfügen, dass auch der Trocknungsprozess des Holzes selber Einfluss auf die späteren Geschmackssensationen haben wird. Kammergetrocknete Hölzer (ca. 3 Monate) bauen z.B. längst nicht so viele "Vanillearomen" auf wie z.B. im Holzstoß getrocknete Hölzer, die über 2-3 Jahre lang langsam trocknen. Ich muss mal kramen wo ich diesen spannenden Artikel wiederfinde. Beste Grüße Axel Crew Maltheads United
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Torsten_K2
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Verfasst am: 20. 01. 2011 [17:42] Post-Direktlink
Hi, ninjapassi,nein, bin kein Chemiker, aber schon seit einigen Jahren gewaltig an der Materie Whisky interessiert, da beißt einem so manches Buch in den Hintern. Tut mir leid, daß ich in der Kürze meiner zur Verfügung stehenden Zeit die ablaufenden Prozesse nicht gründlicher und restlos verständlich habe erklären können. Solltest Du noch konkrete Fragen haben, können wir die gerne erörtern. Bis dahin: In der Chemie liegt der Geschmack, wenn auch in der ganz kleinen. Viele Grüße Torsten |
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Horst_S
Südbayern
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Verfasst am: 24. 01. 2011 [09:54] Post-Direktlink
Danke für die tollen Ausführungen "Torsten_K2" schrieb: Je nach dem, welche Aromen man während der Destillation durch Abtrennen des Middle Cut von Vor- und Nachlauf auffängt, bekommt der Whisky einen komplett anderen Charakter. An dieser Stelle möchte ich noch hinzufügen, dass die Destillation an sich ein konzentrierender Prozess ist. Man lässt das viele Wasser zurück und die Aromen gehen mit dem Alkohol über. Was über geht (s. Zitat) hängt am Destillationsprozess. Aber nicht nur der Prozess selbst sorgt für die Anreicherung der Aromen. Auch die Brennblasenform sorgt für die Verstärkung des einen oder anderen Aromas. Und das macht die Whiskyproduktion auf deutschen Obstbrennblasen (bzw. Destillationskolonnen) so schwierig. Diese Apparate wurden über die Jahrhunderte so verfeinert, dass die besonders stark die Fruchtaromen konzentrieren, was man im Single Malt Whisky nicht haben möchte bzw. ungewohnt ist. Dies ist auch der Grund, warum die Brennerei Slyrs mit dem Neubau die Brennblasenform von der typischen Obstform abgeändert haben. Gruß Horst Lüning
Admin, The Whisky Store |
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djnayrobi
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Verfasst am: 26. 01. 2011 [11:38] Post-Direktlink
Ich empfehle dir ein tolles Buch.Whisky. Alle Marken und Destillerien der Welt. von Michael Jackson http://www.amazon.de/Whisky-Alle-Marken-Destillerien-Welt/dp/3831007640/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1296038255&sr=8-1 Absolut hochwertiges Buch mit tollen Fotos und super interessantes Hintergrundwissen von A-Z. Am besten mit einem schönen Dram schmökern Slàinte ! Robi [Dieser Beitrag wurde 1mal bearbeitet, zuletzt am 26.01.2011 um 11:38.]
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Woodpecker
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Verfasst am: 26. 01. 2011 [22:00] Post-Direktlink
Dieser Empfehlung kann ich mich nur anschließen. Habe bis eben auch im Jackson geschmökert - Buch in der linken Hand, rechts nen Dram mit Glenfarclas 10yo Gruß
Woody |


