Botanicals: Was ist drin im Gin?

Wacholder, Koriander, Zitronen- und Orangenschale, Zimt, Baumrinde, Lakritze, Muskatnuss und Veilchenwurzel - Wenn man die Zutatenliste so mancher Gins, wie dem Hayman‘s London Dry Gin, liest, ist es oft schwer vorstellbar, dass aus diesem wilden Gewürz-, Frucht- und Naturgemisch ein leckeres Getränk entstehen soll. Wer aber schon den ein oder anderen Gin probiert hat, weiß: Die Rezepte schmecken! Nur spricht man in der Gin Branche nicht von Zutaten, sondern von Botanicals.

Für den englischen Begriff 'Botanicals' gibt es im Deutschen kein präzises Äquivalent. 'Botanical' bedeutet nichts anderes als 'botanisch', gemeint sind aber die pflanzlichen Zutaten, die in Gin enthalten sein können. Dies schließt Pflanzen und pflanzliche Extrakte ein, die man grob in vier Gruppen einteilen kann: Früchte, Kräuter, Samen und Körner, sowie Wurzeln und Rinden. Da sich die Spirituose Gin aus einer mittelalterlichen Medizin entwickelt hatte, sind nach wie vor viele 'heilende' und 'lindernde' unter den Inhaltsstoffen. Darunter sind Kräuter, Wurzeln, Samen, Blüten, Rinden, Beeren und Früchte, die von Fachleuten und Publikationen im Bereich Gesundheit, Fitness und Wellness empfohlen werden.

Botanicals von Canaima Gin
Botanicals von Canaima Gin

Tutti Frutti Botanicals

Wacholder ist in jedem Gin enthalten. Denn die Spirituosen-Verordnung der EU schreibt vor, dass der Wacholdergeschmack unter den Aromen vorherrschen muss. Nur dann darf sich ein Destillat Gin nennen. So kommt Gin auch zu seinem charakteristisch süßlichen, harzigen und leicht pfeffrig-scharfen Aroma. Abgesehen von dieser Vorgabe sind der Fantasie der Gin-Macher keine Grenzen gesetzt. Der Spirituosen-Fachjournalist Karl Rudolf hat für sein Buch 'Gin' 2017 eine umfassende Umfrage unter Gin-Produzenten durchgeführt. Er erfragte, welche Botanicals außer Wacholder häufig verwendet werden. Nicht jeder Ansprechpartner war bereit die genaue Zusammensetzung bekannt zu geben. Doch immerhin konnte Rudolf die Botanicals von 134 Gins zusammentragen, wobei insgesamt 182 Zutaten - abgesehen von Wacholder - genannt wurden.

Zitrusfrüchte sind in fast allen Gins enthalten, meist sogar mehrere Fruchtsorten. Neben Orangen und Zitronen sind auch Grapefruits, Limetten und Pomelos weit verbreitet. Ob aus den Schalen oder dem Fruchtfleisch, die fruchtig-säuerlichen Zitrusnoten tragen einen Großteil zum Aroma von Gins bei. Oft verwendet man nur die Schalen, die reich an ätherischen Ölen sind. Nicht umsonst sind sie auch Teil vieler Bitter- und Kräuterliköre, die in Maßen als gesund gelten: Sie regen unter anderem die Verdauung an, stärken das Immunsystem und schenken Energie.

Botanicals von Lussa Gin
Botanicals von Lussa Gin

Botanicals für Kräuterhexen

Ganz vorne unter den Botanicals ist der Koriander, er ist in 60% der Gins enthalten. Die Früchte des Dornengewächses enthalten ätherische Öle, die gesund für die Verdauung und die Bronchien sind. In kleinen Mengen erhellt Koriander die Stimmung, in großen Mengen macht er müde. Im Gin sind die Mengen jedoch so gering, dass von der beruhigenden Wirkung nichts mehr zu spüren ist. Der Geschmack von Korianderblättern polarisiert: Entweder man liebt ihn oder man hasst ihn. Die kleinen runden Früchte schmecken im Gegensatz zu den Blättern weniger seifig sondern eher zitrusartig.

Unter den Kräutern sind es zum Teil ganz gewöhnliche Küchenkräuter, die in Gins landen. Klar: Was Speisen verfeinert, veredelt sicher auch Spirituosen. Kerbel und Kresse, Petersilie und Preiselbeeren, Salbei und Schnittlauch - genauso wie Kräuter in der Küche für den gewissen Pepp sorgen, tun sie es auch im Gin. Je nach Herkunft sind ganze Marken von Kräutern aus einer Region geprägt: Der Frankfurter 'Gin Sieben' enthält zum Beispiel die sieben Kräuter aus dem Rezept der berühmten Frankfurter Grünen Soße: Borretsch, Kerbel, Kresse, Petersilie, Pimpinelle, Sauerampfer und Schnittlauch. 'The Duke Munich Dry Gin' besinnt sich auf die Bier-Brauer-Wurzeln der bayerischen Landeshauptstadt mit den Grundstoffen Hopfen und Malz. Es gibt aber auch Gins wie den 'Elephant London Dry Gin', der sich ganz dem afrikanischen Kontinent und seinen Aromen verschrieben hat, den 'Canaima Gin', der mit Kräutern und Früchten aus dem Amazonas Regenwald destilliert wird, oder den 'Noble White', der aromatisch die ganze Alpenregion abdeckt.

Hayman's Gin Botanicals
Hayman's Gin Botanicals

Spice Spice Baby - Gewürze als Botanicals

Viele gute ätherische Öle enthält auch Kardamom, der in knapp einem Fünftel der von Karl Rudolf untersuchten Gins enthalten ist. Wir kennen Kardamom hauptsächlich aus dem arabischen Raum, wo er im Mokka dem Kaffee seinen würzigen Geschmack gibt. Auch in Asien ist er ein wichtiger Bestandteil in Gewürzmischungen. Bei uns denkt man in Bezug auf Kardamom schnell an die Weihnachtszeit, denn er ist typischerweise in Lebkuchen und Spekulatius enthalten. Laut Kräuterkundigen sind die ätherischen Öle im Kardamom gut für die Verdauung, und wirken außerdem gegen schlechten Atem und als Aphrodisiakum.

Unter den Gewürzen in den Gin-Zutatenlisten sticht vor allem Pfeffer in allen vorstellbaren Farben - weiß, schwarz, rosa, rot - und aus aller Herren Länder - Madagaskar, Java, Indonesien, Kambodscha - hervor. Pfeffer schmeckt nicht immer so pfeffrig, wie wir es von den handelsüblichen schwarzen Pfefferkörnern kennen. Je nach Sorte, Anbau oder Aufbereitung kann Pfeffer sogar nach Blumen, Schokolade oder Käse schmecken! Weitere Gewürze auf den Zutatenlisten von Gins sind Piment und Ingwer. Piment schmeckt herb-süßlich und erinnert im Aroma an Nelken und Muskat.

Blumen und Kräuter als Botanicals
Blumen und Kräuter als Botanicals

Tolle Knolle: Aromatische Wurzeln im Gin

Ingwer ist seit geraumer Zeit als ein so genanntes 'Superfood' bekannt. Der Begriff beschreibt Lebensmittel mit (teilweise nachgewiesenen) Gesundheitsvorteilen. Der Ingwerknolle wird nachgesagt, gegen Erkältungssymptome und Übelkeit zu helfen, schmerzlindernd zu wirken und zuträglich für die Figur und die Schönheit zu sein. Kein Wunder also, dass das Superfood auch in knapp 20% der von Rudolf erfassten Gins enthalten ist. Der Geschmack von Ingwer lässt sich am besten als brennend scharf und würzig bezeichnen, wie man es etwa aus der asiatischen Küche kennt.

Angelikawurzel, auch Engelwurz genannt, ist Botanical in 63 von 134 Gins, also knapp der Hälfte. Die ätherischen Öle und Bitterstoffe der Wurzel sind bekannt für ihren positiven Einfluss auf die Verdauung. Daher ist sie auch in vielen Kräuterschnäpsen und -likören enthalten. Das Aroma der Wurzel ist sehr würzig, der Geschmack hingegen sehr süß mit einer bitteren und auch scharfen Note.

Ob Wurzeln, Früchte oder Kräuter, die Botanicals geben nicht nur Gin seinen Geschmack, sondern sind auch heute noch für ihre medizinische Wirkung bekannt und in Arzneimitteln enthalten. Wir wollen nicht so weit gehen zu behaupten, dass Gin gesund macht. Dennoch hilft es, sich - im wahrsten Sinne des Wortes - auf die Wurzeln zu besinnen, um zu wissen woher der Geschmack kommt.