Die Geschichte des Gins:

Medikament - Massendroge - Modespirituose

Gin war nicht immer so 'in' wie heute. Im Gegenteil: Ursprünglich war die holländische Spirituose, damals noch Genever, für medizinische Zwecke gedacht. Der Name Genever leitet sich vom niederländischen Begriff für Wacholder 'jeneverbes' beziehungsweise dem botanischen Begriff 'juniperus' ab. Mit der Zeit entwickelte sich daraus der heute bekannte Gin, dessen Name eine Kurzform von Genever ist.

Wacholder
Wacholder

Medikament: Wundermittel Wacholder

Der Wacholderpflanze wurden in früheren Zeiten eine Reihe heilsamer Wirkungen nachgesagt: Im Mittelalter räucherte man ganze Dörfer damit aus, um die Ausbreitung der Pest zu verhindern. Der Pflanze wird auch nachgesagt, dass sie von negativen Einflüssen und angestauten Emotionen bereinigt. Der holländische Genever wurde im späten 16. Jahrhundert ursprünglich als Medikament auf Basis des Wirkstoffs Wacholder entwickelt, das gegen Nierenleiden und Tuberkulose helfen sollte. Die alkoholisierende Wirkung der Medizin blieb natürlich nicht lange unbemerkt.

Wilhelm III von Oranien brachte den Genever mit nach England, als er dort 1689 den Thron bestieg. Der frisch gebackene König hatte damals eine Auseinandersetzung mit den katholischen Franzosen, die Wilhelms Vorgänger und Schwiegervater King James Asyl gewährt hatten. Kurzerhand besteuerte er Cognac und Brandy mit sehr hohen Strafzöllen und machte so seinen Genever beim Volk erschwinglicher und beliebter. Viele seiner Untertanen stellten sich den holländischen Edelbrand auch selbst her und schon 20 Jahre später wurde in jedem vierten Haushalt Genever gebrannt. Dies lag unter anderem auch daran, dass Queen Anne, die zu Beginn des 18. Jahrhunderts gekrönt wurde, die Fehde mit dem Katholizismus und Frankreich weiterführte. Sie gestattete jedem Haushalt in Großbritannien - welches sich 1707 aus England, Schottland und Wales zusammenschloss - lizenzfrei Genever beziehungsweise Gin zu brennen.

Massendroge: Die Gin-Krise

Damit begann auch ein dunkles Kapitel in der Geschichte des Gins, eine Zeit die später als die 'Gin-Krise' betitelt wurde. Wacholder und auch Gewürze waren damals nicht für jeden in England verfügbar und erschwinglich, sodass viel Schmu getrieben wurde, um das Aroma des Genevers nachzuahmen: Schwefelsäure sollte dem schlechten Alkohol einen 'gewissen Kick' geben, Terpentine wurden hinzugefügt, um Wacholderaromen zu suggerieren, Zucker und Kaliumcarbonat machten die Destillate weicher. Durch die permanente Verfügbarkeit wurde der Gin immer billiger - schon für einen Penny bekam man in manchen Londoner Pubs Gin. Die Qualität hingegen wurde immer schlechter und gesundheitsgefährdender. Ein paar Statistiken dazu: Die Zahl der Alkoholiker stieg drastisch an. 1723 überstieg die Todesrate die Geburtenrate in London. 1751 starben 9.000 Kinder an Alkoholvergiftungen. Letztendlich musste der Staat reglementierend eingreifen: Er begann den Gin-Markt zu überwachen und Definitionen wie ‘Dry Gin‘ (= ungesüßter Gin) einzuführen. Auch die Steuern auf Gin wurden schließlich erhöht.

Während der Zeit der Gin-Krise in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden bereits viele heute noch bekannte Gin Brennereien und Marken ins Leben gerufen. Die Black Friars Distillery in Plymouth wurde bereits 1697 gegründet. Mittlerweile heißt sie Plymouth Distillery und stellt noch heute den Plymouth Gin her, der nun auch eine gesetzlich geschützte Herkunftsbezeichnung trägt. 1740 wurde die Finsbury Brennerei im gleichnamigen Kurort Nahe London eröffnet. Der Ort Finsbury ist mittlerweile ein Stadtteil der Metropole und für sein besonders reines Wasser bekannt. Dies ist natürlich auch für die Destillation von Spirituosen eine wichtige Voraussetzung. Auch die Gin Destillen Gordon und Bloomsbury (Tanqueray) wurden Anfang des 19. Jahrhunderts aufgrund der guten Wasserqualität in das Londoner Viertel Finsbury verlegt.

Damals destillierte man Gin in sogenannten 'Carter Head Stills'. Diese wurden von den Gebrüdern Carter entwickelt, die ihr Handwerk von Aeneas Coffey gelernt hatten. Dieser war der Erfinder der Coffey-Still, einer Brennblase für kontinuierliche Destillation. Somit wurde auch Gin zu Beginn des 19. Jahrhunderts im kontinuierlichen Destillationsverfahren hergestellt. So erhielt man schnell und preiswert ‘sauberen‘ Basisalkohol für Gin. Dadurch dass die Industrialisierung auch in der Spirituosen-Herstellung ankam, wurde die Produktion von qualitativ hochwertigerem Gin möglich. Diesen besseren und gesünderen Gin konsumierten die Genießer auch gerne, allen voran die Arbeiter, die vom Land in die Stadt zogen und sich den dortigen Gepflogenheiten anpassten.

Gin & Tonic
Gin & Tonic

Modespirituose: Gin ist in

Mit der besseren Qualität änderte sich auch das Image von Gin zusehends. Nach dem zweiten Weltkrieg hatte sich der Wacholderbrand gänzlich von der Volksdroge zur Modespirituose gemausert. Spätestens seit dieser Zeit ist Gin aus der Spirituosen- und Barwelt nicht mehr wegzudenken - sogar die Queen Mum outete sich als Gin-Fan.

Einen der wichtigsten Gin-Trends setzte das Militär in den Britischen Kolonien: Man riet den Soldaten als Malaria-Prophylaxe chininhaltiges Tonic Water zu trinken. Diese mischten das bittere Getränk mit Gin aus der Heimat, um es milder und genießbarer zu machen. Und schon war der Klassiker unter den Longdrinks 'Gin & Tonic' geboren. Zunächst waren die Produktion und der Genuss von Gin noch stark auf England und Großbritannien beschränkt. Doch Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden in Europa immer mehr 'Bars'. Das englische Wort bedeutete ursprünglich 'Stange' oder 'Balken' und bezieht sich auf die Form der Theke an der Getränke ausgeschenkt werden. In diesen Bars experimentierten die Profibarkeeper viel, zunächst noch mit holländischem Genever, dann mit englischem Gin und es entstanden weitere Kult-Drinks, wie der Dry Martini oder der Gin Fizz.

Gin litt wie alle Spirituosen unter der Prohibition in den USA, wo von 1919 bis 1933 ein landesweites Verbot der Herstellung, des Transports und des Verkaufs von Alkohol galt. Doch schon bald darauf war Gin wieder die Nummer 1 unter den Mix-Spirituosen. Zwar waren Anfang des 21. Jahrhunderts Wodka, Tequila und auch Rum sehr in Mode doch seit den 2010er Jahren boomt die Gin-Wirtschaft extrem: Neue Marken und Brennereien schießen aus dem Boden, ebenso wie neue Tonic Water Sorten. Ganz klar: Gin ist in!